Michaelskirche

Föhrstr. 2, 70439 Stuttgart (Neuwirtshaus)
 
Kirche für den in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts in Eigenarbeit erbauten Stadtteil Neuwirtshaus.
Sie ist Kulturdenkmal des Landes Baden-Württemberg.

 

Gottesdienst feiern wir 14-tägig sonntags um 9:30 Uhr.

 

Mehr zum Thema:

Gottesdienste in Zuffenhausen

Die Siedlergemeinschaft Neuwirtshaus

Die Aussensanierung

Die Michaelskirche

von Pfarrer Volkmar Rupp, März 2009

 

Jetzt steht sie im neuen Glanz da - unsere Michaelskirche. 2008 hat sie eine umfangreiche Aussensanierung erfahren: Turm- und Kirchenschiffdach wurden neu gedeckt und mit einem Holzunterdach versehen, marode Balken im Fachwerk ersetzt und das ganze Fachwerk in der Originalfarbe gestrichen, Turmknauf und Hahn restauriert und neu vergoldet, neue Dachrinnen - erstmalig auch am Turm - angebracht, der Verputz neu aufgebracht, die Turmuhr samt Läutwerk in Stand gesetzt und diverse andere erhaltende Maßnahmen durchgeführt.

Die Michaelskirche - ein Kulturdenkmal

Michaelskirche - Detail der Turmuhr

Die Michaelskirche ist ein Kulturdenkmal des Landes Baden-Württemberg. Das Landesdenkmalamt beschreibt die Kirche wie folgt:

 

"Die evangelische Michaelskirche wurde 1938 am zentralen Platz der 1934/35 von der Stadt Stuttgart erbauten Nebenerwerbssiedlung Neuwirtshaus nach Entwurf von Architeckt Paul Heim, einem Schüler von Bonatz (Erbauer des Stuttgarter Hauptbahnhofs) und Schmitthenner (Erbauer der Hohensteinschule), erstellt."

 

Der geosteten und mit einem Westturm (mit Geläut und Uhr ausgestatteten Kirche (über Luftschutzräumen) liegt das Tiefenmaß der umliegenden Siedlungshäuser zugrunde: das Kirchenschiff ist 7 m breit und bis zum First 7 m hoch. Den Aussenbau der Kirche bestimmen das Sichtfachwerk und das tief herabgezogene Satteldach des Schiffes mit Schleppgaupen sowie der wuchtige Turm mit Fachwerkobergeschoss und achseitigem, eingezogenem Helm... Den Basilika-artigen Innenraum prägen die hölzerne Tonnendecke, die Fachwerkwände sowie die gerade Altarwand mit einem in Brauntönen gehaltenen Wandgemälde von Albrecht Braun, welches in regelmäßigen Feldern Szenen aus dem Leben Jesu wiedergibt.

Die Michaelskirche 1938

Raffiniert ist die Lichtführung bzw. Fenstergestaltung des Kirchenraumes: In die nach innen groß-rechteckig gerahmten Obergadenfenster fällt von oben das von den Dachgaupen eingefangene Licht.

Zum originalen Erscheinungsbild der Kirche gehören ferner: die Orgel auf der Sängerempore, die mit Schnitzereien von Helmut Uhrig geschmückte Kanzel, der hölzerne Altartisch, das Gestühl, Lampen, Fenster und Türblätter.

An der Erhaltung der typischen 30er-Jahre-Kirche von hohem Originalitätswert, welche das Herzstück der Neuwirtshaussiedlung bildet, besteht aus architektur- und stadtbaugeschichtlichen bzw. wissenschaftlichen sowie künstlerischen und heimatgeschichtlichen Gründen öffentliches Interesse."

Die Michaelskirche als Mittelpunkt der Neuwirtshaussiedlung

Einweihung der Michaelskirche 1938

Schon bald nach Fertigstellung der Neuwirtshaussiedlung wurde der Evangelischen Kirchengemeinde Zuffenhausen klar: Der Weg zum Gottesdienst nach Zuffenhausen ist für die kinderreichen Siedlerfamilien zu weit. Dort in der Siedlung muss es einen eigenen Gottesdienst geben. Nach bescheidenen gottesdienstlichen Anfängen in der Baubaracke am Waldrand fanden dann sonntägliche Gottesdienste im Wechsel mit der katholischen Kirchengemeinde im Gasthaus Neuwirtshaus statt. Schließlich waren die Planungen für einen Kirchenbau am Marktplatz so weit fortgeschritten, dass am 25. Juli 1937 der Grundstein gelegt wrude. Von Stadtpfarrer Wolfgang Zeller ist der Ausspruch überliefert: "Ja, wir brauchen eine Kirche, weil wir ohne Gott und sein Wort so verzweifelt einsam und verlassen sind."

Am Sonntag Oculi, dem 20. März 1938, war es dann endlich soweit: Die Michaelskirche wurde eingeweiht. Auf dem Marktplatz versammelten sich die Menschen. Stadtpfarrer Zeller erwartete Landesbischof Theophil Wurm, der direkt von der Einweihung der Wolfbuschkirche kam.

Architekt Paul Heim übergab den Schlüssel an Stadtpfarrer Zeller und die Gemeinde zog zum Festgottesdienst ein.

Die Siedlung Neuwirtshaus

Seither ist die Michaelskirche der Mittelpunkt der Neuwirtshaussiedlung. Mit Fachwerk, Dachneigung und Tiefenmaßen des Kirchenschiffes fügt sie sich gut ins Gesamtbild ein. Sie hat den Krieg unbeschadet überstanden, hat in den ausgehenden Kriegs- und den Nachkriegsjahren eine hohe Zahl von Gästen beim Abendmahl erlebt, viele sind später zu Goldenen Konfirmationen gerne wieder in "ihre" Michaelskirche gekommen. Sie hat ja auch eine warme, angenehme Atmosphäre mit ihren hellen und dunklen Holztönen im Kirchenraum. Hier fühlt man sich wohl - ganz gleich, ob an einem Sonntag irgendwann im Jahr mal "nur" 15 Gottesdienstbesucher da sind oder bei Konfirmationen, beim Adventskonzert oder an Heiligabend 300.

Der Psalmist betet: "Eines bitte ich vom HERRN, das hätte ich gerne: dass ich im Hause des HERRN bleiben könne mein Leben lang, zu schauen die schönen Gottesdienste des HERRN und seinen Tempel zu betrachten." Psalm 27,4.

Das möchte die Michaelskirche sein: ein Angebot für uns Menschen, für die Menschen da sein. Wie viele haben in den mittlerweile 71 Jahren ihres Bestehens "schöne Gottesdienste des HERRN" gefeiert genauso wie ihrer Verstorbenen in der Fürbitte gedacht? Wie viele haben wichtige Schritte ihres Lebens in ihr gewagt - Junge und Alte, Frauen und Männer? Wie viele Kinder wurden zur Taufe getragen? Wie viele Jugendliche haben ihr "Ja" zur Kirche und ihrem Herrn gesagt? Wie viele Erwachsene haben "Ja" zueinander gesagt? Und Sonntag für Sonntag kommen wir zusammen, um Gottesdienst zu feiern und auch einfach, um diesen schönen "Tempel des HERRN zu betrachten".

Gelungene Ökumene am Beispiel von Erntedank

Erntedank 2009

Ein gutes ökumenisches Miteinander von evangelischer und katholischer Kirchengemeinde hat die Michaelskirche schon immer erlebt. Am Deutlichsten zeigt sich das bis in die Gegenwart am Erntedankwochenende, an dem das Zusammenwirken sogar über die Kirchengemeinden hinausgeht: Samstagvormittags gehen die Kinder der Grundschule mit Leiterwagen durch die Straßen und sammeln die Erntegaben ein. In vielen Häusern werden sie bereits erwartet und von manchen freundlichen Menschen auch zusätzlich mit Süßigkeiten bedacht. Sind die Kinder dann mit ihren vollen Wagen an der Michaelskirche angekommen, entladen Frauen und Männer der Siedlergmeinschaft die Gaben und schmücken den Erntedankaltar liebevoll auf eigens dafür gezimmerten Gestellen. Der ökumenische Gottesdienst sonntags hat dann im wahrsten Sinne des Wortes einen ganz eigenen Geschmack, denn die Früchte, das Obst und das Gemüse sind in der ganzen Kirche zu schmecken. So bestätigt sich eindrücklich das Psamwort "Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist. Wohl dem, der auf ihn trauet!"  Psalm 34,9. Am Montagmorgen holen dann die Mitarbeiter des Kinder- und Jugendheims Hoffmanshaus Korntal die Erntegaben ab, bedanken sich sehr herzlich und betonen, dass alles gut verwertet wird.

Turmhahn im Gerüst

Während der langen Monate im letzten Jahr, in denen die Michaelskirche eingerüstet war, kamen viele interessierte Besucher vorbei. Wir bekamen zahlreiche Fragen und anerkennende Kommentare zum Baufortschritt. Als dann der Hahn wieder auf der Kirchturmspitze saß und endlich auch die Glocken wieder schlugen, freuten sich viele Menschen an der gelungenen Aussensanierung. 

Die große Anteilnahme zeigt sich nicht zuletzt auch in den guten finanziellen Erlösen und großzügigen Spenden bei unseren jährlichen Michaelsfesten. Viele Einzelspenden und die großzügigen Spenden bei den Adventskonzerten waren alle für die Sanierung der Michaelskirche bestimmt. Ganz herzlichen Dank dafür!

Diese großartige Unterstützung hat die Kirchengemeinde darin bestärkt, die aufwändige Sanierung durchzuführen und so ein deutliches Zeichen zu setzen, dass die Michaelskirche auch in Zukunft für uns Menschen da ist "zu schauen die schönen Gottesdienste des HERRN."

Der Hahn der Michaelskirche im Gottesdienst

Im Gottesdienst am 23. November 2008 war der Hahn samt Turmknauf in der Michaelskirche zu sehen. Im Zuge der Aussensanierung war er abgenommen, gereinigt und neu vergoldet worden. Jetzt konnte er wieder auf die Turmspitze gesetzt werden.

Brauch ist es, in die Kugel des Turmknaufs zeitgeschichtliche Dokumente zu füllen. Das wurde leider vor 70 Jahren nicht getan. Dieses Mal wollte man es richtig machen. Dafür fertigte Kirchengemeinderat Martin Schaaf eigens eine Kassette an, die genau in die Kugel mit der durchlaufenden Stange passte.

Martin Schaaf und Pfarrer Volkmar Rupp füllten vor der Gemeinde die Kugel mit einer aktuellen Tageszeitung, dem Gemeindebrief für Dezember bis Februar, einer Liste der Mitglieder des Kirchengemeinderats sowie der an der Aussensanierung beteiligten Handwerkerbetriebe, einigen Cent- und Euromünzen, dem aktuellen Siedlerblättle (die Zeitschrift der Siedlergemeinschaft Neuwirtshaus), einem Schreiben und einer Chronik der Sportvereinigung Neuwirthaus, einer Liste der Kinderkirchkinder, einer Religionsarbeit der 4. Klasse und einem selbst gebastelten Josefbüchlein aus der 1. Klasse.

Möge der Hahn auf der Michaelskirche die nächsten Jahrzehnte sicher auf dem Kirchturm sitzen, immer die Windrichtung anzeigen und uns weiterhin an die so typisch menschliche Geschichte des Simon Petrus erinnern. Wenn in ferner Zukunft wieder einmal der Hahn abgenommen wird, ist es für die Gemeinde sicher interessant, was uns im Jahr 2008 bewegte und bestimmt hat.