Trauung

»Ein Mann wird seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem
Weibe anhangen, und sie werden sein ein Fleisch«. Das stellt schon
der erste Mensch in 1. Mose 2, 24 fest. Ebenso humorvoll wie eindeutig wird hier von einem Grundprinzip menschlichen Miteinanders erzählt: Frauen und Männer suchen die Gemeinschaft miteinander – nicht nur, aber natürlich auch sexuell. Wohl auch deshalb hat sich die Lebensform Ehe – bei allen Herausforderungen – über Jahrhunderte hinweg bewährt, auch als Ursprung für neues Leben.


Martin Luther hat die Ehe nüchtern gesehen: als natürliche Ordnung, nach der Menschen auf unserer Welt nun mal zusammenleben. Nicht um ein Sakrament geht es nach reformatorischer Auffassung, sondern um ein »weltlich Ding«, dessen äußere Rahmenbedingungen der Staat festlegt. Der bekannte Ringwechsel im evangelischen Traugottesdienst gehört eigentlich nicht zur Liturgie – die Ringe werden bereits auf dem Standesamt getauscht, Braut und Bräutigam sind beim Einzug in die Kirche schon verheiratet!


Einen Gottesdienst anlässlich der Eheschließung feiern aber auch wir evangelische Christen, und das aus gutem Grund. Schließlich handelt es sich um eine Schöpfungsordnung, bei der Gott sich etwas gedacht hat. Das geht so weit, dass Gottes eigene Beziehung zu den Menschen mit einer Ehe verglichen wird (Hosea 2, 21f und Epheser 5, 32). Deshalb ist die Ehe auch Martin Luther zu Folge ein »Stand, der in Gottes Wort gefasst ist«.


Im evangelischen Traugottesdienst bitten Braut und Bräutigam Gott um seinen Segen für das gemeinsame Abenteuer Ehe. Nur wenn Gott abgibt von seiner Liebe, kann menschliche Liebe – immer eine Mischung aus Gefühl und Entscheidung – überhaupt gelingen. Das »Ja«  auf die kirchliche Traufrage ist deshalb ein bewusstes Bekenntnis zum Ehepartner als »Gottes Gabe« – und wird passend ergänzt: »Ja, und Gott helfe mir«. Für den inhaltlichen roten Faden sorgt oft ein Trauspruch aus der Bibel. Die Trauzeugen haben im Gottesdienst keine offizielle Funktion, beteiligen sich aber oft mit Gebeten oder einer Lesung. Nicht zuletzt trägt ein Traugottesdienst dazu bei, die Hochzeit öffentlich und gemeinsam mit Christen aus der örtlichen Kirchengemeinde zu feiern. Was meistens dann am besten klappt, wenn man den »schönsten Tag im Leben« nicht krampfhaft zelebriert, sondern das Fest fröhlich und gelassen genießt.


Ökumenische Traugottesdienste gibt es nicht; konfessionsverbindende Brautpaare müssen sich für das evangelische oder katholische Eheverständnis entscheiden. Beim Traugottesdienst kann dann aber ein/e Geistliche/r der jeweils anderen Konfession mitwirken. In der Praxis gestaltet sich das Zusammenleben über Konfessionsgrenzen hinweg heute wesentlich unkomplizierter als noch vor wenigen Jahrzehnten. Gott sei Dank!


Auch Jesus nimmt auf die Ehe Bezug und führt den eingangs zitierten Vers aus dem Alten Testament in Matthäus 19,6 fort: »So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden«. Was wie eine harte Forderung klingt, ist zuerst und vor allem seelsorglich gedacht. Hintergrund ist die schmerzliche Erfahrung: Wer zusammen »klebt« – so die exakte Übersetzung in 1. Mose 2,24 – lässt sich nicht mehr ohne Verletzungen auseinander reißen. Trennung und Scheidung tun allen Betroffenen weh. Und trotzdem gibt es manchmal – auch unter Christen – keine bessere Alternative.


Sollte man also lieber auf die Ehe verzichten? Oder das Heiraten weit aufschieben? Das wäre die Entscheidung für Sicherheit – und Langeweile. Liebe muss immer aufs Ganze gehen, das Maximum wollen. Und letzte Garantien gibt es ohnehin nie. Die viel diskutierte Passage »… bis der Tod euch scheidet« in der kirchlichen Traufrage ergibt also Sinn – und lässt sich zudem als Ermutigung hören: Mit Gottes Segen wird es möglich, dass erst der Tod euch zwei auseinander bringt – nicht der Alltagstrott, nicht die attraktiven KollegInnen aus dem Büro nebenan – und schon gar nicht die offene Zahnpastatube im Bad.


Pfarrer z.A. Daniel Renz
März 2013