Liturgisches Läuten der Kirchenglocken

Glocken gab es schon vor über 4000 Jahren in China und seit ca. 2500 v. Chr. sind sie auch im Mittelmeerraum nachweisbar. Als kirchliches Instrument konnten sie sich jedoch erst durchsetzten, als am Ende des 4. Jahrhunderts das Christentum zur Staatsreligion des Römischen Reichs wurde. Nun benötigte man ein weithin hörbares Signal zum Gebetsaufruf und zum Einladen in die Gottesdienste.

Bereits im 6. Jahrhundert wurde die Glocke zu einem Rufinstrument der Kirche. So schickte beispielsweise um 535 der Diakon Ferrandus aus Karthago – im heutigen Nordtunesien – eine Glocke an den Abt Eugippius in Italien und schrieb dazu: »Zu allen Stunden, die für die Gebete bestimmt sind, könnt und dürft ihr euch dem Blick Gottes aussetzen. Und nicht du allein tust solches, sondern viele andere rufst du zur Teilnahme herzu, wobei dir eine klingende Glocke ihre Dienste leistet, wie es eine heilige Gewohnheit der seligen Mönche festgestellt hat.«

Verbreiter der Glocken sowie des Christentums und der Kultivierung des Landes überhaupt waren in erster Linie die Klöster, die nach der Ordensregel »ora et labora« (bete und arbeite) des Benedikt von Nursia leben. Dieser hatte 529 auf dem Monte Cassino in Süditalien das erste Benediktinerkloster des Abendlandes gegründet. Er schrieb den Mönchen gemäß Psalm 119 täglich acht Gebetszeiten vor und zwar am Tage sieben: V. 164: »Ich lobe dich des Tages siebenmal um deiner gerechten Ordnung willen« und in der Nacht eine: V. 62: »Zur Mitternacht stehe ich auf dir zu danken«. Durch ein Zeichen, in der Regel eine weit hörbare Glocke, werden die Mönche bis heute zusammengerufen. Jedes der acht Stundengebete hat einen besonderen inhaltlichen Schwerpunkt, der die Mönche täglich an die Gnade Gottes und die Heilstat Jesu erinnert. So feiert man zur Laudes, dem Lobgesang bei Tagesanbruch, die Auferstehung Jesu an Ostern. Die Prim zur ersten Tagesstunde (ca. 7 Uhr) markiert dann den Beginn des Arbeitstages, also das »labora« der Ordensregel. Schließlich meinte schon Benedikt von Nursia entsprechend Jesu Gleichnis von den anvertrauten Pfunden: »Müßiggang ist ein Feind der Seele«. Zur Terz (3. Stunde um 9 Uhr) gedenkt man der Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten, zur Sext hingegen dem Leiden Jesu am Kreuz. Die Non (9. Stunde um 15 Uhr) erinnert an Jesu Sterbestunde und die Vesper um 17 Uhr an seine Menschwerdung. Die Komplet um 20 Uhr hat das Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern an Gründonnerstag zum Inhalt, während man zu den mitternächtlichen Vigilien der Todesangst Jesu in Gethsemane und seiner Gefangennahme gedenkt. Dieser Gebets- und Arbeitsrhythmus der Mönche übertrug sich durch die Klosterglocke teilweise auch auf die christlich gewordene Umwelt.

So ließ Karl der Große beispielsweise verlauten: »Ich empfehle, dass alle Priester zu geeigneten Stunden des Tages und der Nacht die Glocken der Kirchen erklingen lassen, um dann die Gottesdienste zu feiern und die Völker zu unterweisen, auf welche Weise und zu welcher Stunde Gott zu verehren ist.« Spätestens zur Zeit Karls des Großen hatte die Glocke also ihren festen Platz in der Kirche.

An die klösterliche Läutetradition knüpfen auch heute noch die täglichen Läutezeichen mit einer Glocke in den meisten Ortschaften an.
Auch in Zuffenhausen wird morgens, mittags und abends geläutet, wobei den wenigsten Menschen die historisch-theologischen Gründe dafür klar sind: die Erinnerung an die Auferstehung Jesu am Morgen (7 Uhr), die Erinnerung an die Kreuzespein Jesu, verbunden mit der Bitte um den inneren und äußeren Frieden, zur Mittagszeit (12 Uhr) und die Erinnerung an die Menschwerdung Jesu sowie die Mahnung an den eigenen Tod am Abend (19 Uhr).

In einigen Gemeinden wird zusätzlich um 11 Uhr in Erinnerung an die Kreuzigung Jesu und um 15 Uhr zur Sterbestunde Jesu geläutet. Dies geschieht in der Regel mit der Kreuz- oder Totenglocke, in der Pauluskirche freitags um 15 Uhr mit der ältesten Glocke von 1902.

Weitere Läutezeichen mit einer Glocke sind das Läuten zum Taufakt mit der Taufglocke, das Vaterunserläuten mit der Betglocke und das Vorläuten zum Gottesdienst, in der Regel mit der größten Glocke des Geläuts. Zusätzlich zu den Ruf-, Erinnerungs- und Mahnfunktionen des Früh- und Hochmittelalters erhielten die Glocken im Spätmittelalter allmählich regelrechte Botschaftsfunktionen, denn die reich gewordenen mittelalterlichen Städte begnügten sich nicht mehr nur mit einer Glocke pro Kirche. Vielmehr wurden die Glocken wirklich zu einem Sprachrohr Gottes gemäß Psalm 29, 4: »Die Stimme des Herrn ruft mit Macht, die Stimme Gottes schallt in Pracht.«

Daraus entwickelte sich das Läuten zu den Gottesdiensten mit mehreren Glocken, das nach der landeskirchlichen Empfehlung nicht länger als eine »halbe Viertelstunde« dauern sollte.

Klaus Hammer,
Glockensachverständiger Leiter des Glockenmuseums Stiftskirche Herrenberg