"Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle!"

Diese Worte stammen aus Psalm 69. Sie sind alt und doch so aktuell. Wer leidet, ruft nach Gott. Und Tausende von Flüchtlingen, die im Mittelmeer ertrinken, sie werden nur noch diesen Schrei kennen: »Gott, hilf mir.« Unabhängig von ihrer Nationalität, unabhängig von ihrem Glauben: »Gott, hilf mir! … Ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen«.
Es sind Dramen, menschliche Tragödien, die sich seit Jahren täglich im Mittelmeer abspielen. Vor den Inseln, auf denen viele von uns so gerne Urlaub machen.
Es zerreißt einen, wenn man sich klar macht, was täglich passiert:
• »Vor Malta treiben Dutzende von Toten im Meer«
• »Flüchtlinge tagelang ohne Trinkwasser auf See«
• »Deutsche Marine bringt Schleuserboot mit Hunderten von Flüchtlingen im Mittelmeer auf«
Wir hören, wir sehen diese Nachrichten und fühlen uns hilflos. In Bremerhaven gibt es seit zehn Jahren das Deutsche Auswandererhaus. Es schildert an Hand von Einzelschicksalen, warum Menschen sich einst aus Deutschland aufmachten, um in Nord- und Südamerika, in Russland, Australien und zahlreichen anderen Ländern eine Zukunft zu finden.
Dabei wird deutlich, dass es praktisch immer Not und Verzweiflung sind, die Menschen dazu bringen, der Heimat den Rücken zu kehren. Heute kommen Menschen zu uns nach Deutschland, weil unser Land für Frieden und Freiheit steht, weil Menschen mit uns ihre Hoffnung verbinden.
Flüchtlinge sind Geschöpfe Gottes. Wie wir.
Wenn wir aufrichtig sind, dann müssen wir zugeben, dass wir genauso oder ähnlich handeln würden wie die Flüchtlinge, die zu uns kommen. Auch wir wollen in Frieden und Freiheit leben, auch wir würden viel tun, um unseren Kindern eine Perspektive zu eröffnen.
»Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen« Matthäus 25,35, sagt Jesus.
Wer einen Flüchtling aufnimmt, der nimmt Gott auf. Jesus erinnert an die gute Tradition des Volkes Israel, das aus eigener, schmerzhafter Erfahrung heraus dem Schutz des Fremden, der Aufnahme von Menschen, die aus Not und Perspektivlosigkeiten geflohen sind, einen hohen Stellenwert einräumt.
Auch auf unseren Straßen hier in Zuffenhausen begegnen uns Flüchtlinge. Menschen, die vor Krieg und Hunger, vor Verfolgung und unmenschlicher Brutalität Schutz bei uns suchen und dafür die lebensgefährliche Flucht über das Mittelmeer gewagt haben.
Im 19. Jahrhundert war es noch umgekehrt. Da wanderte mancherorts in Württemberg ein Drittel der Bevölkerung nach Amerika aus, aus purer Not oder auf der Suche nach religiöser oder politischer Freiheit. Auf ihrer Flucht wagten sie die gefährliche Fahrt übers Meer. Auch davon berichtet das Auswandererhaus in Bremerhaven.
Menschen, die vor Krieg und Hunger, vor Verfolgung und unmenschlicher Brutalität Schutz bei uns suchen, verdienen unsere Unterstützung, unsere Solidarität. Sie haben ein Recht auf Asyl, auf Aufnahme. Sie leben bei uns in der Gottfried-Keller-Straße, der Zazenhäuser Straße und bald wahrscheinlich auch in der Schwieberdinger Straße. Sie leben mitten unter uns und doch scheinbar weit weg. Dabei sind sie darauf angewiesen, dass wir sie aufnehmen. Aber wir wissen auch nicht so recht, was wir für sie und mit ihnen tun können. Vielleicht auch deshalb, weil auch wir Angst haben. Fremdes bedeutet Veränderung, Unruhe. Das erleben viele Menschen als Gefahr. Und wenn diese Angst nicht beim Namen genannt werden darf, finden Menschen abwehrende Argumente: »Die klauen. Wir haben nicht genügend Arbeitsplätze für alle. Die legen sich bei uns nur in die soziale Hängematte.«
Keines dieser vermeintlichen Argumente hält einer Überprüfung an der Realität stand. Aber darum geht es gar nicht. Angst fragt nicht nach der Wirklichkeit. Angst konstruiert sich die eigenen Wirklichkeiten. Es sind Urängste, die nicht rational zu besiegen sind. Wie die Angst, teilen zu müssen; die Angst, zu verlieren; die Angst, auf unbestimmte Weise weniger zu werden durch die Fremden. Vielleicht geht es ja gar nicht darum, dass wir die Angst wegbekommen. Vielleicht geht es darum, dass wir lernen, zuzugeben, dass wir Angst haben.
Ja, wir haben Angst vor euch, die ihr zu uns kommt. Seid uns dennoch willkommen.
Mit Gottes Hilfe bekommen wir das hin. Das kann darin bestehen, dass wir uns im Freundeskreis für die Flüchtlinge engagieren. Das kann darin bestehen, dass wir politisch für eine Globalisierung arbeiten, die allen Menschen in allen Ländern eine gerechte Chance bietet, um in Frieden und Freiheit zu leben.
Lassen Sie uns dafür beten, dass Gott den Flüchtlingen und uns am sicheren Ufer gnädig sei.
Lassen Sie uns dafür eintreten, dass die Flüchtlinge ans sichere Ufer gelangen.
Lassen Sie uns dafür arbeiten, dass Menschen dort, wo sie leben, eine gerechte Lebenschance erhalten, um ihr Leben selbst zu gestalten.

Ihr Dekan Klaus Käpplinger
September 2015

Fluchtbiographie

Mein Name ist Othman Khaled. Ich bin 1986 geboren, und zwar in Qamischli/Syrien. Ich bin auf einem Boot über das Mittelmeer nach Europa gekommen, zusammen mit 314 anderen Flüchtlingen. Die Überfahrt hat 1.500 Dollar gekostet. Wir waren 14 Stunden auf dem Meer. Ich hatte große Angst, aber diese Flucht war meine einzige Chance: In Syrien hätte ich zum Militär gemusst. Ich wollte nicht töten!
Vorher habe ich im Libanon Bauingenieurwesen studiert und bei einer Baufirma gearbeitet. Jetzt lerne ich Deutsch. Ich will hier meinen Master machen.
Wenn ich Zeit habe, mache ich Musik: Ich habe mir eine Saz gekauft, das ist ein kurdisches Saiteninstrument. Ihre Klänge erinnern mich an meine Heimat, sie beruhigen mich.
Mein großer Wunsch ist, dass meine Familie auch nach Deutschland kommen kann. Meine Eltern und Geschwister sind noch in Syrien und ich mache mir oft Sorgen um sie und um all die Menschen, die dort noch im Krieg leben.
Ich wünsche mir, dass ihr Schicksal nicht vergessen wird.

aus Diakonie Magazin 1/2015