Typisch evangelisch ?!

Liebe Gemeinde!
»Typisch evangelisch« – Was ist das? Was antworten Sie, wenn Ihnen diese Frage gestellt wird?
»Typisch evangelisch« – Was ist das in einer kleiner gewordenen Welt, in einem Europa, das sich – trotz anderer Tendenzen – auf der wirtschaftlichen und politischen Ebene immer weiter annähert?
»Typisch evanelisch« Was ist das – 500 Jahre nach der Reformation?
Mein Versuch einer Antwort lautet:
»Typisch evangelisch« ist die Konzentration auf die Bibel. Von den Geschichten und Erzählungen der Bibel ausgehend versuchen wir, die Welt zu verstehen und Antworten auf die Fragen unserer Zeit und
unserer Gesellschaft zu finden.
»Typisch evangelisch« ist der Glaube an die Vergebung der Sünden.
Denn daraus ist letztlich die Reformation und damit der Protestantismus entstanden. Jesus hat gesagt: Deine Sünden sind dir vergeben und zwar umsonst, sofort und ohne Gegenleistung.
Vergebung bedeutet also: Sie und ich sind nicht auf immer und ewig an unsere Vergangenheit gekettet. Neues ist möglich –Veränderung ist möglich. So ist der Glaube an die bedingungslose Vergebung unserer
Sünden »typisch evangelisch«.
»Typisch evangelisch« ist die hohe Bedeutung der Freiheit in und für unseren Glauben. Der waldensische Theologieprofessor Paolo Ricca hat mir einmal gesagt: Die Liebe zur Freiheit, die kennen und schätzen
wir alle, aber noch größer ist die Freiheit zur Liebe. Die Freiheit, zu lieben und zur Liebe, das ist »typisch evangelisch«.
»Typisch evangelisch« ist das Gebet. Je älter wir werden, desto besser verstehen wir, dass wir Geschöpfe sind und nicht Schöpfer. Diese Einsicht ist die Grundlage des Gebetes.
Wir sind nicht Väter oder Mütter, sondern von der Schöpfung her Kinder. Als Söhne, als Töchter beten wir zu Gott. Und das Gebet ist der Atem des Lebens. Im Grunde genommen sind wir alle ein Gebet. Wir sind die
Verleiblichung des Gebets. So ist das Gebet »typisch evangelisch«.
»Typisch evangelisch« ist die Inklusivität unseres Glaubens. Jesus hat niemanden ausgeschlossen, er wollte alle beteiligen und sagt deshalb: »Dieser ist auch ein Sohn Abrahams ...«. Bei Jesus wird die
Grenze der Gemeinde Gottes immer weiter hinausgeschoben. Das heißt auch, unsere Gemeinde ist größer als wir meinen.
»Typisch evangelisch« ist das Teilen. Jesus hat es wunderbar vorgelebt. Denken Sie an die Brotvermehrung und die Speisung von Tausenden, die seine Predigt gehört hatten. Denken Sie an das Abendmahl.
Jesus bricht zuerst das Brot und teilt es, dann teilt er sich selbst. Wenn Gott sich offenbart, dann heißt das spätestens seit dem Abendmahl Jesu, seiner Kreuzigung und Auferstehung: Gott teilt sich aus.
So ist das Teilen das innere Gesetz, die innere Natur des Christentums, des Protestantismus, eben »typisch evangelisch«.
»Typisch evangelisch« – Was ist das?
Ich habe versucht, Ihnen auf diese Frage zu antworten.
Die beste Antwort, die beste Einladung zum Glauben aber, ist das
Leben der Christinnen und Christen.
Das meint                                                                                                    Ihr Dekan Klaus Käpplinger

Wie die Reformation in Zuffenhausen ankam

Zur Zeit der Reformation war Pfarrer Ludwig Klemmerspecht Ortsgeistlicher von Zuffenhausen. Je nach Gang der Reformation wurde er evangelisch, amtete wieder katholisch und war dann an seinem
Amtsende eher evangelisch. Durch diese Haltung hat Klemmerspecht aber möglicherweise Zuffenhausen vor Zerstörung der Kirche und Unruhe bewahrt. Was wissen wir über ihn?
1512 – Ludwig Klemmerspecht wird Pfarrer in Zuffenhausen.
1534 – Klemmerspecht erklärt sich bei der Befragung durch Reformator Erhard Schnepf für die Reformation und bleibt daher als Pfarrer im Amt.
Am 2. Februar 1535 findet der letzte Messgottesdienst in der Stuttgarter Stiftskirche statt. Am 27. Juli 1535 werden die entbehrlichen Abendmahlskelche etc. aus dem Amt Cannstatt an die herzogliche
Münze abgeliefert, darunter zwei Kelche aus Zuffenhausen.
Vom 28. Juni bis 7. Oktober 1541 findet die zweite Visitation des Amtes Cannstatt statt. Künftig soll es in Zuffenhausen nur noch eine geistliche Stelle, die des Pfarrers, geben.
1548 – Interim Kaiser Karls V. Eine vorläufige Kirchenordnung wird erlassen, bei der die protestantischen Territorien wieder zum katholischen Kultus zurückkehren sollen. Diese Ordnung wird am 11. November 1548 von Herzog Ulrich in Württemberg eingeführt. Pfarrer Klemmerspecht
nimmt dieses Interim an und bleibt daher in Zuffenhausen im Amt.
Am 30. Juni 1552 befiehlt Herzog Christoph, die Messe in Württemberg abzuschaffen. Pfarrer Klemmerspecht liest keine Messen mehr.
29. Juni 1552 – Pfarrer Valentin Vannius von Cannstatt, Mitglied der Kirchenleitung, ist beauftragt, zu untersuchen, wie es der Zuffenhäuser Pfarrer mit Predigen, Katechismusunterricht und den Sakramenten hält.
17. Juli 1552 – Befragung von Schultheiß, Gericht und Rat zu Pfarrer Klemmerspecht durch Vannius. Die Zuffenhäuser haben an ihm nichts auszusetzen, er habe aber an Sonn- und Feiertagen nur einmal gepredigt und schon zehn Jahre keine Kinderlehre oder Wochenpredigt gehalten. Die Messe betreffend halte er es nun zum vierten Mal anders:
Vor 1534 las er die Messe, dann habe er sie gescholten, im Interim wieder angenommen und derzeit wieder aufgegeben. Klemmerspecht führe mit seiner Frau einen guten Lebenswandel, der Ort will ihn behalten, möchte aber zusätzlich einen jungen Prediger für die Jugend und
für »Sterbensläufe« (Epidemien).
Pfarrer Klemmerspecht, inzwischen 70 Jahre alt, will seine Pfarrei nicht altershalber aufgeben. Er verfasst eine Bittschrift an den Herzog, er möge auf der Pfarrei bleiben oder er bitte um Unterhalt, da er arm wie ein Tagelöhner sei. Die Kirchenleitung erlässt am 1. November 1552 den Befehl, dass Klemmerspecht aus dem Amt entlassen wird und 40 Gulden jährlich als Leibgeding erhält und Samuel Halbmayer als neuer Pfarrer in Zuffenhausen eingesetzt wird.
1555 – Augsburger Religionsfrieden: katholische und evangelische
Religionsausübung sind gleichberechtigt.


Auszug aus einer Predigt von Dekanin i.R. Wiebke Wähling,
gehalten am 21. August 2011