50 Jahre Dekanat Zuffenhausen

Der Dekanatsbezirk Zuffenhausen wird in diesem Jahr 50 Jahre – Anlass für uns, einen Blick auf die Historie zu werfen.
Elisabeth Rentschler, die Witwe des ersten Dekans in Zuffenhausen, Gerhard Rentschler, der dieses Amt von 1965 bis 1982 innehatte, blickt auf die Anfänge zurück.
Emil Sautter, von 1982 bis 1992 Dekan in Zuffenhausen, hat mir im Gespräch von seinen vielen bleibenden Erinnerungen an die gute Gemeinschaft im Bezirk berichtet und davon, wie dankbar er auf diese Zeit zurückblickt.
Martin Reyer, Dekan von 1992 bis 2001, und Wiebke Wähling, Dekanin von 2001 bis 2011, blicken mit eigenen Beiträgen auf ihre jeweilige Amtszeit zurück.
Das Dekanat wurde eingerichtet, weil Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Gemeindegliederzahlen in Stuttgart rasch gewachsen waren. Vom scheinbar stetigen Wachstum waren auch die Anfangsjahre im Dekanatsbezirk geprägt: Neue Kirchen und Gemeindehäuser wurden gebaut und neue Pfarrstellen eingerichtet. Doch schon bald drehte sich der Wind. Seither geht auch im Dekanatsbezirk Zuffenhausen die Zahl der evangelischen Gemeindeglieder kontinuierlich zurück. Gemeindehäuser mussten verkauft und Pfarrstellen aufgegeben werden.
Die Gründung des Evangelischen Kirchenkreises Stuttgart im Jahre 2008 steht für die Einsicht in die Notwendigkeit, dass die Gemeinden in Stuttgart enger zusammenrücken und gemeinsam für den christlichen Glauben einstehen müssen.
Für eine gute Zukunft ist es wichtig, dass wir uns an dem freuen, was in der Vergangenheit gut war und nicht nur den Rückgang bedauern, sondern im Blick nach vorne erkennen und herausstreichen, welche Chancen wir als Kirche in, mit und für die Stadtgesellschaft haben. Dazu gehört für mich das aktive Einbringen unseres Glaubens in die Gesellschaft. Denn wer sich mit der Bibel und dem christlichen Glauben beschäftigt, steht automatisch immer vor der Frage: Was bedeutet das heute für mich, für die Gesellschaft, in der ich lebe und wie kann ich mich in diese Gesellschaft als Christ einbringen?
In Zuffenhausen haben wir darauf die Antwort gefunden, dass dies durch die starke Betonung des diakonischen Engagements unserer Kirchengemeinde geschehen kann.

Ihr Dekan Klaus Käpplinger
Juni 2015

Der Anfang des Kirchenbezirks Zuffenhausen

Als vom Oberkirchenrat beschlossen wurde, den rasch wachsenden Dekanatsbezirk Bad Cannstatt zu teilen und einen neuen Kirchenbezirk im Norden Stuttgarts zu gründen, wurde mein Mann nach der Ausschreibung der Stelle gebeten, diese zu übernehmen.
Dass dies eine große Herausforderung bedeutete, war ihm klar. Doch im Vertrauen auf Gottes Hilfe übernahm er diese Aufgabe. Als erstes musste geklärt werden: wo soll das neue Dekanatamt entstehen – in Feuerbach oder Zuffenhausen?
Der OKR entschied sich für Zuffenhausen, was aber den Feuerbacher Gemeinden nicht so sehr gefiel. Da in dieser Zeit in Feuerbach ein Schwimmbad gebaut wurde, hieß es in der Gemeinde: »Die Feuerbacher bekommen ein Schwimmbad und Zuffenhausen den Dekan«, was dann zu manch witzigen Äußerungen Anlass gab.
So entstand das 51. Dekanat der Evangelischen Landeskirche. In der Johanneskirchengemeinde gab es fähige Männer und die erste Frau in diesem Amt, die Pfarrerswitwe Hedwig Steilrecht, die mit ihrer Orts- und Menschenkenntnis gute Hilfe leistete.
Für den neuen Kirchenbezirk mussten Stellen geschaffen werden: Bernhard Gysin aus Tamm, ein junger dynamischer und tüchtiger Mann, wurde Kirchenpfleger. Inge Wagner aus Mössingen, unserer früheren Kirchengemeinde, übernahm mit großem Eifer und Liebe das Amt als Sekretärin.
Mein Mann sah es als eine seiner ersten Aufgaben an, alle PfarrerInnen in ihren Gemeinden zu besuchen, ebenso die Kirchenpflegen. Erschwert wurde seine Arbeit dadurch, dass wir nicht in das alte Pfarrhaus einziehen konnten, weil es im Erdgeschoss umgebaut werden musste. So entstand aus dem Kohlenkeller das Amtszimmer des Dekans, aus den beiden Abstellräumen ein Büro für die Sekretärin und ein kleines Sitzungszimmer. An der Südseite des Hauses wurde der Anbau abgerissen, in welchem sich der ehemalige Ziegen- und Hasenstall befand. Der schöne große Garten wurde so zu einer Oase mitten in der Großstadt. Als wir dann Ende des Jahres 1965 endlich dort einziehen konnten mit unseren vier Kindern zwischen 10 und 16 Jahren, genossen wir dieses sehr.
Der Aufbau und das Zusammenwachsen des neuen Kirchenbezirks waren für alle Beteiligten nicht leicht, zumal sich der demographische Wandel dieser Zeit auch in der Kirche bemerkbar machte. Groß war auch die Bautätigkeit im Kirchenbezirk: Kirchen und Gemeindehäuser entstanden und wurden eingeweiht. Gebaut wurde damals in Zuffenhausen von 1965 bis 1967 das Altenheim mit einer halben Million
Spenden aus der Gemeinde und an die Samariterstiftung übergeben.
Auf Anregung der damaligen Sozialministerin Annemarie Griesinger wurde der Aufbau der Diakoniestationen im Land begonnen. Dadurch entstanden viele neue Arbeitsplätze. Für Zuffenhausen bedeutete dies, die Zahl der Mitarbeiter von 4 auf 40 zu erhöhen. Bestehende Ferienwaldheime wurden renoviert, vergrößert und neue gebaut in Zuffenhausen, Feuerbach und Weilimdorf.
Das seither benutzte »Backhäusle« neben der Johanneskirche war viel zu klein für die vielen Aktivitäten der Gemeinde und des Kirchenbezirks, deshalb war der Bau des Johanneshofes auf dem Grundstück der ehemaligen Schule sehr wichtig.
Dem Kirchenbezirk und der Gemeinde in Zuffenhausen wünsche ich weitere gute Jahre unter Gottes Segen.

Elisabeth Rentschler
Juni 2015

 

 

Erste Sparmaßnahmen

»Das Dekanatsgebäude in der Ilsfelder Straße ist unbewohnbar«. Dies war die erste offizielle Nachricht, die ich 1992 nach meiner Wahl zum Dekan in Zuffenhausen erhielt. Und tatsächlich: Die Bausubstanz war in einem desolaten Zustand. Eine Begehung der oberen Stockwerke war »nicht ratsam«. Die Generalsanierung war unumgänglich. Nun gehörte das Dekanat zu den »staatlichen Pfarrhäusern«, d.h. nach dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803, der die Enteignung kirchlichen
Vermögens regelte, mussten die Renovierungskosten vom Staat übernommen werden. Es gab eine schwierige, lang andauernde Auseinandersetzung um das ehrwürdige alte Gebäude. Eine Zeit lang drohte der totale Abriss. Die Emotionen kochten hoch. Mir scheint, die ganze Zuffenhäuser Bevölkerung hat sich schließlich für den Erhalt des Dekanatsgebäudes eingesetzt. Immerhin ging es hier um das älteste Haus der Stadt aus dem Jahr 1657, der Zeit kurz nach dem 30-jährigen Krieg, im Ensemble mit der alten Zuffenhäuser Dorfkirche das Juwel im Alten Flecken.
Und dann schaltete sich auch noch das Landesdenkmalamt ein, hatte man doch unter vielen Putzschichten alte Wandornamente aus dem 17. Jahrhundert gefunden. Schließlich konnte sich die staatliche Baubehörde zur Rettung dieser historischen Kostbarkeit durchringen.
Endlich wurde gebaut. Zum 1. Advent 1997 konnte ich schließlich ins Dekanat einziehen, nachdem ich die fünf Jahre zuvor im Freiberg gewohnt hatte, im Exil, wie manche lästerten.
Allerdings zog ich allein in das bestechend schön wieder hergerichtete Haus ein. Am Anfang eben dieses Jahres war nach langer Krankheit meine Frau gestorben. Ich blieb zurück als Dekan und alleinerziehender Vater von vier heranwachsenden Töchtern.
Ansonsten war die Zeit meines Dekanats geprägt durch einen massiven Mitgliederschwund in unseren Gemeinden. Vieles an dieser Entwicklung ging sicherlich auf das Konto der neuen Mitgliedererfassung, die manche Karteileichen und Aufrundungen aussortierte. Aber auch ganz real war dies zu spüren: Dienstaufträge wurden »angepasst«, d.h. reduziert, Pfarrstellen schon mal organisatorisch näher miteinander verbunden. Schließlich musste der Schurrenhof, das idyllische Freizeitheim des Kirchenbezirks im Schurwald, verkauft werden. Und am Horizont tauchte der Pfarrplan auf. In den Gemeinden setzte ein neues Nachdenken ein: Was wohl eine Gemeinde ausmacht, wie groß sie sein soll, für wie viele Gemeindeglieder ein Pfarrer bzw. eine Pfarrerin da sein soll. Die Unterscheidung zwischen »notwendigen« und »wünschenswerten« Diensten hatte hier ihren Anfang.
Und trotzdem wurde nach dem Dekanatsgebäude auch die Johanneskirche von Grund auf renoviert, so dass nun Kirche und Pfarrhaus zusammen ein historisch sehr ästhetisches Ensemble bilden, geeignet, die Identifikation der Zuffenhäuser mit ihrer Kirche im Alten Flecken zu stärken.
1999 lernte ich dann meine jetzige Ehefrau Beate kennen und heiratete sie – wie man so sagt – vom Fleck weg. Sie gab mir nach dem Tod meiner ersten Frau neuen Lebensmut und dem ganzen Dekanat Zuffenhausen ein neues Lebensgefühl. So viel Mut hatte ich wieder, dass ich mich ein Jahr darauf um die Stelle des Propstes in Jerusalem bewarb und dieses Amt im Jahr 2001 antrat. Zuffenhausen aber bleibt mir im Herzen.

Dekan i.R. Martin Reyer
Juni 2015

Fusion und Immobilienkonzept

Von 2001 bis 2011 war ich Dekanin in Zuffenhausen. Schwerpunkte in diesen Jahren waren das Zusammengehen von Einzel- zu Gesamtgemeinden oder gar einer Kirchengemeinde. Zuffenhausen hatte bei meinem Dienstbeginn gerade fusioniert und war Vorbild für andere Gemeinden im Kirchenbezirk. Feuerbach mit Stadtkirche, Föhrich-, Gustav Werner- und Luthergemeinde machte sich auf den Weg. Rot, Freiberg und Mönchfeld wuchsen zur Gemeinde Himmelsleiter zusammen. In allen Gemeinden machten sich die Kirchengemeinderäte an die schwierige Aufgabe, eine Gebäudekonzeption zu entwickeln. Was kann langfristig erhalten werden, wovon muss man sich trennen?
Ein weiterer Schwerpunkt war die Überzeugungsarbeit für den Kirchenkreis Stuttgart. Er entstand am 1. Januar 2008 durch Vereinigung der bis dahin selbständigen Kirchenbezirke Stuttgart, Bad Cannstatt, Degerloch und Zuffenhausen und als Rechtsnachfolger des bereits 1983 gegründeten »Evangelischen Stadtverbands Stuttgart«. Dem Dekanat Zuffenhausen wurde für den Stadtverband die Diakonie für ganz Stuttgart zugeordnet. Daraus entstand 2007 »Diakonie in Stuttgart« (DiS), ein Zusammenschluss von 26 diakonischen Einrichtungen und dem Kirchenkreis Stuttgart. Ziel der Arbeitsgemeinschaft ist die Klärung gemeinsamer Interessen und ihre Vertretung gegenüber der Stadt sowie den anderen Wohlfahrtsverbänden. Zugleich soll die Zusammenarbeit der diakonischen Einrichtungen und des Kirchenkreises verbessert werden. Die Mitglieder der DiS vertreten die evangelische Sozialarbeit in den Bereichen Altenhilfe, Arbeitshilfen, Bildung/Ausbildung, Krankenhäuser, Sozialpsychiatrie sowie bei den Hilfen für Behinderte, Jugendliche und Wohnungslose. Bei den Trägern des neuen Verbandes sind etwa 5.000 Mitarbeitende beschäftigt. Die DiS ist Mitglied im Diakonischen Werk Württemberg.
Der Verkauf des Johann-Albrecht-Bengel-Hauses an die Rumänisch-Orthodoxe Kirchengemeinde »Jesu Christi Geburt« war eine schwierige und wichtige Entscheidung. Ein theologischer Markstein war der Besuch von Bischof Suheil Dawani im Rahmen der Partnerschaft mit den palästinensischen Gemeinden in Haifa und Ramallah 2006. Mit Beginn der Reformationsdekade 2008, die auf das Reformationsjubiläum 2017 hinweisen soll, beschäftigte ich mich mit Ludwig Klemmerspecht, der zur Zeit der Reformation Pfarrer in Zuffenhausen war – dies auch als Anregung für Gemeinden, die damals schon bestanden: Mauritius in Feuerbach, Oswaldkirche in Weilimdorf, Johanneskirche in Stammheim und die Nazariuskirche in Zazenhausen.

Dekanin i.R. Wiebke Wähling
Juni 2015